Guten Morgen, heute ist Donnerstag, der 28. Juni 2012 !
■ Anpfiff: Heute beginnt der 19. EU Gipfel seit Ausbruch der Schuldenkrise vor 2½ Jahren
■ Abpfiff: Die meisten Beobachter erwarten wenig greifbare Ergebnisse
■ Verlängerung: Aber die Chancen für die Verabschiedung einer
Roadmap stehen gut
"Wir sind heute an einem entscheidenden Moment der europäischen Integration angekommen. Wir müssen deutlich aussprechen, welche Vision Europa verfolgt und wie der Weg dorthin konkret aussieht. Ich bin mir nicht sicher, ob die Dringlichkeit der Situation in allen Hauptstädten der Europäischen Union richtig verstanden wird. Ich glaube, dass der Europäische Rat einen deutlichen Anstoß für unsere Wachstumsagenda geben kann – wenn nicht sogar geben muss. Außerdem muss die Grundlage für einen längerfristigen Prozess zur Bildung einer stärkeren, echten Wirtschafts- und Währungsunion geschaffen werden. Eine echte Wirtschafts- und Währungsunion erfordert meines Erachtens eine Banken-Union, eine Fiskal-Union und weitere Schritte hin zu einer politischen Union. Was wir jetzt brauchen, ist ein großer Schritt nach vorne."
Wow, mag sich da der eine oder andere Leser denken, jetzt holt der kleine Purps aber mal so richtig die Keule raus. Der spricht heute ja wie ein Präsident! – Ja, das tut er. Aber es sind nicht seine Worte, es sind die Worte eines anderen Präsidenten, nämlich die von
José Manuel Barroso, seines Zeichens Präsident der Europäischen Kommission. Barroso richtete vorgestern einen flammenden Appell an alle Beteiligten. Auszüge seiner Rede habe ich oben (in meiner eigenen Übersetzung) wiedergegeben.
Heute beginnt der 19. EU-Gipfel in den letzten zweieinhalb Jahren. Mal wieder wird von einem "historischen Gipfel" gesprochen. Die Erwartungshaltung der Beobachter ist klar: Sie hoffen alle, dass die Staats- und Regierungschefs jetzt endlich "den Faden auf die Spule bringen" (
Verfasser unbek.), "etwas Fleisch auf die Knochen packen" (
Verfasser unbek.) und sich "nicht in der Kunst üben, Locken auf einer Glatze zu drehen" (
Verfasser unbek.).
Die
Agenda ist soweit bekannt: es geht um kurz-, mittel- und langfristig wirkende Maßnahmen:
■ Kurzfristige Maßnahmen: betreffen eigentlich alle den ständigen Rettungsschirm ESM: Rang ("Seniorität") von ESM-Krediten; Anleihenkäufe; Banklizenz; direkte Banken-Rekapitalisierung
■ Mittelfristige Maßnahmen: Wachstumspakt (mit umgeschichteten 130 Mrd. Euro); Finanztransaktionssteuer
■ Langfristige Maßnahmen: Banken-Union; Fiskal-Union; Politische Union; Euro-Bonds, Euro-Bills; Schuldentilgungsfonds
In den Finanzmärkten sind die Erwartungen hinsichtlich greifbarer Gipfel-Ergebnisse gedämpft oder, wie es in einem englischsprachigen Kommentar heute früh wunderbar formuliert heißt, die Marktteilnehmer würden ihren "increasingly diminished expectations" Ausdruck verleihen.
Im Vorfeld machten die Protagonisten ihre Positionen noch einmal klar: Angela Merkel rutschte ihre "Solange ich lebe"-Aussage heraus und Spaniens Mariano Rajoy warnte, sein Land könne sich möglicherweise bald nicht mehr refinanzieren.
Begleitet wird der heutige Gipfelbeginn von
deutschen Arbeitsmarktdaten, von der
Auktion fünf- und zehnjähriger Staatsanleihen in
Italien sowie von der Erkenntnis, dass für zwei Drittel der Amerikaner Amtsinhaber Barack Obama besser als Herausforderer Mitt Romney geeignet sei, mit einer Invasion Außerirdischer umzugehen.
Wenn der kleine Purps eine flammende Rede zu dem historischen (da steckt das Wort "Tor" drin…) EU Gipfeltreffen halten müsste, würde er sich in Anlehnung an Franz Beckenbauer schön kurz halten: "Geht's raus, macht's Europa!"
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Kornelius Purps
Fixed Income Strategist
Director
MRE4FI
UniCredit Research