Market Snapshot: Overnight Impressionen

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Market Snapshot: Overnight Impressionen

Postby taucher » Tue Jul 19, 2011 9:55 am

Hallo zusammen.

hier ein Text, der die Lage an den Finanzmärkten täglich, nicht ganz so ernst zusammenfasst.
Verfasser ist ein "Fixed Income Strategist" einer großen Bank:



Guten Morgen, heute ist Dienstag, der 19. Juli 2011 !

■ Versteckspiel: Wer hat 50 Milliarden Schulden gesehen?
■ Vabanquespiel: EU Gipfeltreffen am Donnerstag muss ein Erfolg werden
■ Glücksspiel: Drahtloses Internet auf dem Lande noch relativ wenig verbreitet…

Als wir es zuletzt mit einem enterohämorrhagischen Escherichia coli zu tun hatten, war die Unsicherheit in der Bevölkerung verständlicherweise groß. Erst als der Epidemie der Name "EHEC" gegeben wurde, wuchs im Volk die Zuversicht, die Behörden würden der Seuche alsbald Herr werden, klingt "EHEC" doch all zu vertraut nach einem der üblich gewordenen Rettungspakete. Als Auslöser der Krankheit galten zunächst die Killersprossen von Bienenbüttel. Erst später stellte sich heraus, dass diese Sprossen selbst von einer Lieferung ägyptischen Bockshornkleesamens angesteckt worden waren. In solchen Momenten beißt man mit Freude in seinen Döner, in der absoluten Gewissheit, man wisse ja sowieso nicht, was man bei der alltäglichen Nahrungsmittelaufnahme so alles in sich rein stopft. Die Fußballerinnen Nordkoreas wurden den Angaben ihres Verbandes zufolge nach einer feindlichen Blitzattacke mit Moschushirsch-Drüsenextrakten wieder aufgepeppelt. Angeblich handelt es sich dabei um traditionelle chinesische Medizin. Also dann doch lieber Döner. Die Europäische Frauenaufsichtsbehörde identifizierte bei einem Kicker-Stresstest die Moschusabsonderungen jedoch als Doping, was wiederum einige Radfahrer bei der derzeit laufenden Tour de France interessieren dürfte, die sich ja bald wieder den Alpe-d'Huez hinaufquälen müssen.

Die Radler sollen mal nicht jammern, immerhin bleibt ihnen der zwanzig Kilometer lange Anstieg zum Schuldenberg erspart. Aber die vorangegangene Diskussion zeigt, dass man zur Lösung der Schuldenprobleme vielleicht einfach mal Biologen, traditionelle fernöstliche Mediziner oder Dopingexperten zu Rate ziehen sollte. Vielleicht tut sich ja dann eine für alle Beteiligten zufriedenstellende Lösung auf. Innerhalb der Diskussion über Möglichkeiten zur Rettung Griechenlands sind wir mittlerweile beim Thema "Bankenabgabe" angekommen. Ganz offensichtlich ist der Stresstest zu gut ausgefallen und es bedarf zusätzlicher Belastungen.

Der Stresstest zeigte aber auch: Die getesteten Banken besitzen Griechenland-Anleihen mit Fälligkeit bis 2014 im Umfang von rund 35 Mrd. Euro. Dagegen stehen nach griechischen Angaben jedoch etwa 125 Mrd. Euro an Fälligkeiten. Man fragt sich: Wo ist die Differenz? Wer besitzt 90 Milliarden griechische Bonds? Selbst wenn die Europäische Notenbank großzügig geschätzt 40 Mrd. davon verwaltet, dann bleiben immer noch 50 Milliarden übrig. Existieren diese Schulden überhaupt noch irgendwo? Oder sind all die Zahlen mit Moschushirschextrakten künstlich aufgebläht? Jagen wir etwa ein heterodefizitagisches Schulderia-Phantom?

Die Finanzmärkte sind voller Hoffnung, aber ohne jegliche Erwartung, was den EU Krisengipfel am kommenden Donnerstag angeht. Nachdem jetzt selbst Länder wie Frankreich in den Strudel steigender Renditen geraten, ist jedoch klar, dass das Ergebnis der Verhandlungen ein "Großer Wurf" sein muss.

Ich würde jetzt gerne noch ein wenig weiter schreiben, aber ich bin gerade fernab der städtischen Zivilisation, zwischen Kornfeldern und Schafsherden. Es richt nach Moschusabsonderungen. Und das Netz ist so schwach, dass ich nach jedem Tastendruck erst mal zwei Sekunden warten muss, bis die Maschine reagiert. Daher breche ich hier ab, bevor mir die Leitung zusammenbricht und wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag. Bis morgen.
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Re: Market Snapshot: Overnight Impressionen

Postby Werner Hartmann » Tue Jul 19, 2011 9:33 pm

taucher wrote:
■ Versteckspiel: Wer hat 50 Milliarden Schulden gesehen?

Der Stresstest zeigte aber auch: Die getesteten Banken besitzen Griechenland-Anleihen mit Fälligkeit bis 2014 im Umfang von rund 35 Mrd. Euro. Dagegen stehen nach griechischen Angaben jedoch etwa 125 Mrd. Euro an Fälligkeiten. Man fragt sich: Wo ist die Differenz? Wer besitzt 90 Milliarden griechische Bonds? Selbst wenn die Europäische Notenbank großzügig geschätzt 40 Mrd. davon verwaltet, dann bleiben immer noch 50 Milliarden übrig. Existieren diese Schulden überhaupt noch irgendwo? Oder sind all die Zahlen mit Moschushirschextrakten künstlich aufgebläht? Jagen wir etwa ein heterodefizitagisches Schulderia-Phantom?



Dann will ich mich jetzt mal outen:

In meinen Depot findet sich eine griechische Staatsanleihe über den Nennwert 2000 Euro mit der Fälligkeit 20.08.2012!

Wenn ich schon gezwungen werde, mit meinen Steuergeldern Griechen und Euro zu retten, dann will ich an dieser Rettung schon auch selbst verdienen!
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Re: Market Snapshot: Overnight Impressionen

Postby Werner Hartmann » Tue Jul 19, 2011 9:52 pm

]
taucher wrote:
■ Versteckspiel: Wer hat 50 Milliarden Schulden gesehen?

Der Stresstest zeigte aber auch: Die getesteten Banken besitzen Griechenland-Anleihen mit Fälligkeit bis 2014 im Umfang von rund 35 Mrd. Euro. Dagegen stehen nach griechischen Angaben jedoch etwa 125 Mrd. Euro an Fälligkeiten. Man fragt sich: Wo ist die Differenz? Wer besitzt 90 Milliarden griechische Bonds? Selbst wenn die Europäische Notenbank großzügig geschätzt 40 Mrd. davon verwaltet, dann bleiben immer noch 50 Milliarden übrig. Existieren diese Schulden überhaupt noch irgendwo? Oder sind all die Zahlen mit Moschushirschextrakten künstlich aufgebläht? Jagen wir etwa ein heterodefizitagisches Schulderia-Phantom?



Der wohl größte Schuldner Griechenlands dürfte wohl die VR China sein! Die Chinesen geben an, daß sie ca. 75 % ihrer Devisenreserven in US-Staatsanleihen halten und die restlichen 25 % in Euro-Staatsanleihen der EU-Staaten. Wie sich genau diese 25 % aufteilen, sagen sie zwar nicht, allerdings sollten wir davon ausgehen, daß dabei mit Sicherheit auch griechíschen Anleihen sind!

In der Zwischenzeit haben die Chinesen massive Angst um ihre Ersparnisse! Schulden-Krise in Europa und die durchaus mögliche Zahlungsunfähigkeit der USA in den nächsten Wochen - beides gleichzeitig ist für den größten Gläubiger der westlichen Welt einfach zuviel. Dabei sind die Chinesen an dieser Situationm durchaus mit Schuld: Dadurch, daß sie so massenhaft USD- und Euro-Staatsanleihen aufgekauft haben, haben sie es der USA und Europa erst ermöglicht, in die jetztige Schuldenfalle zu tappen. Nicht nur die Schuldner sind schuld an ihrer Situation, die Gläubiger, die einst das Geld gaben, sitzen schon mit im Boot.

Merke: Wenn China es will, könnten sie sowohl die USA als auch Europa innerhalb weniger Tage pleite gehen lassen - allerdings wären sie selbst dann auch pleite!
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Re: Market Snapshot: Overnight Impressionen

Postby taucher » Wed Jul 20, 2011 9:15 am

Guten Morgen, heute ist Mittwoch, der 20. Juli 2011 !

■ Kein Default: Griechenland-Rettung soll über eine Bankenabgabe finanziert werden
■ Keine Pleite: Sogenannte "Sechserbande" präsentiert Obama-verträgliches Sparpaket
■ Keine Armut: Anleger wittern Morgenluft und setzen wieder auf steigende Kurse

Schon als Kind ahnte ich, Schulden und die Klatschpresse sind irgendwie nichts Gutes. Ach, hätte die Welt mal auf mich gehört. Nun haben wir den Salat: Murdoch bekommt einen Teller Rasierschaum ins Gesicht. Die USA stehen vor der Pleite und die Europäische Währungsunion vor dem Auseinanderbrechen. Und das alles nur wegen Schulden. Dabei geht Schuldenabbau doch so einfach. Suggeriert jedenfalls die folgende Geschichte, die mir in den letzten Tagen -zig Mal zugespielt worden ist. Vielleicht gibt es aber immer noch den einen oder anderen unter Ihnen, der dieses Prinzip noch nicht kennt, deshalb erlaube ich mir, an dieser Stelle eine Kopie abzudrucken:

"Es ist ein trüber Tag auf Rhodos. Es regnet und alle Straßen sind wie leergefegt. Die Zeiten sind schlecht, jeder hat Schulden und alle leben auf Pump. An diesem Tag fährt ein reicher Europäer durch Rhodos und hält bei einem kleinen Hotel. Er sagt dem Eigentümer, dass er gerne die Zimmer anschauen möchte , um vielleicht eines für eine Übernachtung zu mieten und legt als Kaution einen 100 €-Schein auf den Tresen. Der Eigentümer gibt ihm einige Schlüssel. Als der Besucher die Treppe hinaufgegangen ist, nimmt der Hotelier den Geldschein, rennt zu seinem Nachbarn, dem Metzger, und bezahlt seine Schulden. Der Metzger nimmt die 100 €, läuft die Straße hinunter und bezahlt den Bauern. Der Bauer nimmt die 100 € und bezahlt seine Rechnung bei der Genossenschaft. Der Mann dort nimmt den 100 €- Schein, rennt zu seiner Kneipe und bezahlt dort seine offenen Rechnungen. Der Wirt schiebt den Schein zu einer an der Theke sitzenden Dame des horizontalen Gewerbes, die auch harte Zeiten hinter sich hat und dem Wirt einige Gefälligkeiten auf Kredit gegeben hatte. Die Dame rennt zum Hotel und bezahlt ihre ausstehenden Zimmerrechnungen mit den 100 €. Der Hotelier legt den Schein wieder zurück auf den Tresen. In diesem Moment kommt der Reisende die Treppe herunter, nimmt seinen Geldschein und meint, dass ihm keines der Zimmer gefällt - und verlässt Rhodos. – Niemand produzierte etwas. Niemand verdiente etwas. Alle Beteiligten sind ihre Schulden los und schauen mit großem Optimismus in die Zukunft."

Im Vergleich dazu der Vorschlag des Sachverständigenrats: Dem Hotelier werden die Hälfte seiner Schulden erlassen. Der Metzger und der Bauer bekommen ein ähnliches Angebot und die Kneipe wird durch ein Rettungspaket gestützt. Und wäre Rhodos die EU, müsste die Dame das alles mit einer Matratzentransaktionssteuer finanzieren.

Wenn Sie dieser Tage Ihre Zeitung aufschlagen respektive anklicken, werden Sie geradezu erschlagen von Vorschlägen, wie die Schuldenkrise gelöst werden kann. Die komplizierten Ideen sehen eine wie auch immer geartete Um- bzw. Entschuldung Griechenlands vor, garniert mit einem Bankenrettungspaket samt Marshall-Plan, finanziert durch eine neue Bankenabgabe und zweifach kopiert für Irland und Portugal. Der einfachste Vorschlag, der einzige mit 100% Default-Vermeidungs-Garantie, ist derweil von der Bildfläche verschwunden: Die EWU-Staaten geben Griechenland (unter Auflagen) bilaterale Kredite. Punkt. Aus. Was vor einem Jahr alternativlos war, ist heute offensichtlich nicht mehr verhandelbar.

Im Schuldenproblem USA sind wir einen großen Schritt weiter: Eine überparteiliche "Sechserbande" hat ein Sparpaket mit einem Volumen von 3,75 Billionen Dollar über die nächsten zehn Jahre vorgelegt. Damit könnte, so heißt es aus Analystenkreisen, ein Downgrade verhindert werden. Obama zeigt sich aufgeschlossen. Nicht überliefert ist, ob das Paket über die EFSF oder über einen umlaufenden $100-Schein finanziert werden soll.

Die Anleger freut's. Angestachelt von guten Quartalszahlen (IBM, Apple) und überraschend guten Daten vom US Immobilienmarkt wagen die Märkte ein letztes Aufbäumen vor dem großen EU Showdown am Donnerstag: Aktien fester (Apple), Anleihen fester (US Sparpaket), EUR-CHF höher (weniger Angst). Aber mal im Ernst, das, was hier jetzt gerade abgeht, ist pillefitz gegen das, was uns erwartet, sobald morgen die Ergebnisse des EU Gipfels durchsickern. Und wehe, der Sechserbandenvorschlag in den USA scheitert doch noch. Dann gibt's Panik an den Märkten, und die Investoren bewerfen die Politiker mit Rasierschaumtellern…
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Re: Market Snapshot: Overnight Impressionen

Postby taucher » Thu Jul 21, 2011 9:38 am

Guten Morgen, heute ist Donnerstag, der 21. Juli 2011 !

■ Schlimmstfall: Irgendwelche Klarheit beseitigende Anleihenumtauschjonglierereien
■ Bestfall: Intelligente Vermeidung des Default-Falls
■ Andersfall: Passend zum Schicksalstag Europas gibt es die 1.000sten Impressionen

"Wir werden eine nachhaltige Gesamtstrategie für die Ausgestaltung des Rettungsmechanismus entwerfen. … Wir wollen keine Klein-Klein-Lösungen mehr, sondern wir wollen ein Gesamtpaket verabschieden. … Derzeit sieht es so aus, als ob das Gesamtpaket folgende Elemente enthalten könnte: a) … b) … g) …" Kommt Ihnen das alles bekannt vor? Müsste es eigentlich. Vor genau sechs Monaten, Ende Januar, trafen sich die Staats- und Regierungschefs der EU schon einmal. Damals galt es Lösungen zu finden, welche die Schuldenkrise ein für alle Mal in die Geschichtsbücher verschiebt. Damals einigte man sich, diese schwierige Entscheidung auf das Gipfeltreffen im März zu verschieben. Im März ging es dann wieder um ein "Gesamtpaket". Mitte Juni erneut. Und heute auch wieder. Aber weil das mit dem "Gesamtpaket" bislang nicht geklappt hat, sprechen wir mittlerweile von einem "Masterplan".

Die Meinungen darüber, wie wichtig das heutige Treffen der EU Regierungschefs ist, gehen trotzdem auseinander, es gibt da keine Mastermeinung oder so. Angela Merkel erwartet keinen "spektakulären Schritt", ihr würde es bereits reichen, einen "kontrollierten und beherrschten Prozess aufeinander folgender Schritte und Maßnahmen" zu erzeugen (da kommt die Wissenschaftlerin in ihr durch). Außenminister Guido Westerwelle klingt da um einiges geschwollener. Nach ihm gilt es heute, die "Schicksalsfrage unseres Kontinents" zu beantworten. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sucht nach einer "dauerhaften" Lösung – ein Wunsch, welcher ebenso zum Traualtar oder zur alltäglichen Morgentoilette passt. Österreichs Finanzministerin Maria Fekter erhofft sich eine "Gesamtlösung", womit sie zeigt, dass sie das Brüssel-Vokabular bereits perfekt verinnerlicht hat. Eine Gruppe von zwölf Volkswirten um Paul DeGrauwe (Brüssel) veröffentlichte gestern ihre Thesen, wonach heute "zum ersten Mal das Überleben des Euro" zur Debatte stünde. Griechenlands Premier George Papandreou schließlich betrachtet den heutigen Tag als "Alles-oder-Nichts-Moment" für die Zukunft Europas. Wir fühlen uns direkt zu Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen in die "Alles Nichts Oder?!"-Show von vor zwanzig Jahren versetzt…

Wie sähe – aus Sicht der Finanzmärkte betrachtet – die Best-Case-Lösung des heutigen Treffens aus? Hier der Versuch einer ausformulierten Schicksalsfragenantwort: "Die Staats- und Regierungschefs der EWU stellen Griechenland für den Zeitraum 2012 bis Ende 2014 bilaterale Kredite in Höhe von 119 Mrd. Euro zur Verfügung. Eine Milliarde Euro wird für die Bekämpfung der Hungersnot in Somalia bereitgestellt. Bis Ende September erarbeiten die Finanzminister eine Bankenabgabe zur Beteiligung des privaten Sektors an den Kosten." Ende. Aus. Kein Jonglieren mit irgendwelchen Anleihenrückkäufen und übergangsweisen Selective-Default-Momenten. Selbstverständlich wird es in den kommenden Wochen keine Einigung auf eine entsprechende Bankenabgabe geben, aber das sollte die Stimmung am heutigen Alles-Nichts-Oder-Tag nicht trüben.

Und hier die Worst-Case Lösung: "Die Staats- und Regierungschefs der EWU verpflichten Besitzer von Griechenland-Anleihen, diese zum Kurs von 95 gegen neue Griechenland-Anleihen mit einer Laufzeit von 18 Monaten und marktgerechtem Kupon umzutauschen. Die EZB sichert zu, griechische Anleihen nicht mehr als Sicherheit zu akzeptieren. Der IWF wird augefordert, bis zum übernächsten Gipfel im Dezember Lösungsvorschläge für eine Finanzierung des griechischen Bankensektors zu unterbreiten. Privatinvestoren beteiligen sich mit einem Solidaritätszuschlag in Höhe von 10% des nicht versteuerten Schwarzeinkommens an den Kosten. Ein möglicher Ausschluss Griechenlands aus der Eurozone wurde diskutiert."

Gestern Abend haben sich Merkel und Sarkozy nach sechsstündigen (!) Gesprächen auf eine gemeinsame Position geeinigt (die allerdings nicht veröffentlicht wurde…). Mann muss wohl befürchten, dass der heutige Masterplan ein Gemisch aus geplanter EFSF-Flexibilisierung, abgabenordnungswidrigen Steuerandrohungen und begrenzt-freiwilligen Anleihe-Tauschbörsen sein wird. Für den Dialog mit der Bevölkerung wird die Plattform http://www.rettungspaketklarheit.de eingerichtet. Was für ein großer Tag für Europa – und das passend zur 1.000sten Ausgabe der Overnight Impressionen…
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Re: Market Snapshot: Overnight Impressionen

Postby taucher » Fri Jul 22, 2011 9:27 am

Guten Morgen, heute ist Freitag, der 22. Juli 2011 !

■ Reich: Athen bekommt ein Rettungspaket, welches vor Ort wahrscheinlich kaum einer versteht
■ Pleite: Griechenland wird offiziell pleite gehen, de facto aber zahlungsfähig bleiben
■ Arm: Ein Schuldenkompromiss in den USA könnte die Rallye an den Märkten konservieren

"Schatz, es ist nicht so, wie du denkst…" Diesen Satz kennen Sie bestimmt aus unzähligen Filmen, wenn ER mit einer Fremden in flagranti in irgendeinem Hotelzimmer erwischt wurde. Vielleicht hat ER noch die Möglichkeit nachzuschieben, "Ich kann dir alles erklären…". Im Anschluss daran kommt es in der Regel zu einem debt exchange zwischen IHM und IHR ("Du bist schuld" – "Nein, Du bist schuld!"), selten zu einem debt buyback ("Ja, ich habe einen Fehler gemacht…"). In aller Regel endet das Spektakel in einem Default ("Hau ab, ich will Dich nie wieder sehen!"), der wiederum meistens collateralized erfolgt (ER hat ja schließlich 'ne Neue).

"Schatzis, es ist nicht so, wie Sie denken. Ich kann Ihnen alles erklären!" würde ich Ihnen, liebe Leser, bezüglich des nun vorliegenden Rettungspakets 2.0 für Griechenland gerne sagen. Nur wird mir das nicht gelingen. Schauen Sie sich beispielsweise diesen Satz an, der einen Teil der Beteiligung der Banken an dem Rettungspaket definiert:

[The fourth option is a] Discount Bond Exchange offered at 80% of par value for a 15 year instrument. The principal is partially collateralized with 80% of losses being covered up to a maximum of 40% of the notional value of the new instrument. The collateral is provided by funds held in escrow. These funds are borrowed by Greece from the EFSF. The EFSF funding costs are covered by the interest earned on the funds in the escrow account so there is no funding cost to Greece of this collateral. The funds in escrow are returned to the EFSF on maturity, if not used, and the principal on the bond is repaid by Greece.

Wer zahlt hier was an wen und wer garantiert wann für was? Es dürfte einige Tage dauern, bis die wirklich schlauen Analysten die Details des Pakets verdaut, verstanden und bewertet haben. Die Griechenland-DLRG sollte eigentlich aus den vorhandenen rund 30 Optionen die besten auswählen, nicht alle. Heute um 13 Uhr werden auf einer Pressekonferenz "die technischen Details" erläutert – vielleicht haben Sie ja Lust?

Ich werde Ihnen an dieser Stelle Einzelheiten zu dem Rettungspaket ersparen, die finden Sie auf jeder zweiten Internetseite. Lieber versuche ich mich an einer ersten Einschätzung ("Schatz, ich kann dir alles bewerten…):
■ Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Und der "Marshall-Plan für Griechenland" ist gut.
■ Schuldenlastreduktion statt Schuldenreduktion: Die Schulden Griechenlands verringern sich nur geringfügig, aber der Schuldendienst gestaltet sich in Zukunft deutlich erträglicher.
■ Haftungsversprechen: Wo immer es kritisch wird, findet sich eine Formulierung wie "wird durch die EFSF besichert". Der Eindruck drängt sich auf, dass der Rettungsfonds, und damit die EWU-Staaten, am Ende des Tages für alle Verbindlichkeiten einstehen. Diplomarbeitsthema: "Ermitteln Sie Deutschlands Eventualverbindlichkeiten nach Grescue 2.0". Das Parlament wird Angela Merkel darob zerhackstücken.
■ EZB kippt um: Die EZB wird griechische Anleihen in default weiterhin als Sicherheit akzeptieren, wenn diese Papiere durch eine Garantie der EWU abgesichert sind. Also: Die EZB gehört der EWU. Griechenland wird durch die EWU finanziert. Griechenland-Anleihen bekommen eine Garantie der EWU…

Die Kommentatoren sind sich einig: Das Rettungspaket ist nur ein Schritt, er wird nicht alle Probleme lösen. (Klar, was soll man auch sonst sagen…). Bemängelt wird, dass die EFSF nicht weiter aufgestockt wurde. Bemerkt wird, dass es weder Eurobonds noch eine Bankensteuer geben wird. Gefragt wird, was eigentlich passiert, wenn Griechenland seine Sparversprechen nicht erfüllen kann respektive will.

Die Märkte reagieren, wie immer unmittelbar nach Rettungspaketen, mit großer Erleichterung. Jetzt sind die Amis dran: Schaffen die es, sich schnell auf einen Schuldenkompromiss zu einigen, dürfte die Erholung an den Märkten länger anhalten – ein Zwischentrend, der durch reihenweise grandiose Quartalsberichte aus den USA unterstützt werden sollte. Was dann kommt, sind relativ ordinäre Sorgen über den Konjunkturausblick. Das Gute ist: Hierfür gibt es unzählige erfahrene Volkswirte. Und auf zaghaft vorgetragene Rezessionssorgen sind diese Menschen gerne bereit zu antworten: "Schatz, es ist nicht so, wie du denkst. Ich kann dir alles erklären…"
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Re: Market Snapshot: Overnight Impressionen

Postby taucher » Mon Jul 25, 2011 8:51 am

Guten Morgen, heute ist Montag, der 25. Juli 2011 !

■ Kompromisslos: Demokraten und Republikaner diskutieren lieber als sich zu einigen
■ Verständnislos: Beobachter sezieren weiterhin das Griechenland-Rettungspaket; Merkel erntet Kritik
■ Aussichtslos: Aktienmärkte signalisieren einen Wochenstart im Risk-Off Modus

"Ja, wir können keinen Sinn in dieser Tat erkennen, aber solange es Menschen gibt, die uns brauchen
und auf die wir achten, solange wir eine Aufgabe haben, ist unser Leben nicht sinnlos."
Horst Köhler, ehem. Bundespräsident, 21. März 2009

Vor dem Hintergrund der Geschehnisse in den verganenen Tagen erscheint der Streit um eine Anhebung der Schuldengrenze in den USA geradezu aberwitzig. Aber als aktiver Teilnehmer in den Finanzmärkten sind wir mehr oder weniger gezwungen, dem Kleinkrieg zwischen Demokraten und Republikanern unsere Aufmerksamkeit zu schenken. Stand der Dinge ist: Es gibt keine Einigung. Die Anhebung der Schuldengrenze soll an ein 10jähriges Haushaltsbereinigungsprogramm mit einem Volumen von drei bis vier Billionen Dollar gekoppelt werden. Gespräche werden geführt, abgebrochen, wieder aufgenommen – man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass da verschiedene Verhandlungsführer ihren ganz persönlichen Kick suchen, nur um dann, wenn die Uhr auf fünf vor Zwölf steht, dann doch mit einer Kompromisslösung aufzuwarten. Andererseits müssen wir ehrlich zu uns selbst sein: Wenn ein Amerikaner die europäischen Bemühungen um eine Beendigung der hiesigen Schuldenkrise beobachtet, denkt er wahrscheinlich das gleiche. Die Deadline im amerikanischen Schuldenspiel ist eigentlich der 2. August. Bis dahin muss die Schuldenobergrenze von 14,3 Billionen US Dollar rechtswirksam angehoben sein, sonst droht den USA der "teilweise Zahlungsausfall". Im Markt kursieren nun Gerüchte, wonach dieser Stichtag aufgrund leicht besserer Steuereinnahmen um acht Tage auf den 10. August verschoben werden kann. Zeit kaufen – eine auch auf dem alten Kontinent wiederholt erprobte Taktik.

Hierzulande wird weiterhin versucht, das umfangreiche Paket zur Rettung Griechenlands und zur Stabilisierung der Eurozone richtig einzuordnen und zu bewerten. Die meisten Berufskritiker (ich nehme mich da explizit nicht aus…) waren vom Umfang und der Vielfalt der Lösungsansätze positiv überrascht: So viel hätten wir nicht erwartet. Besonders positiv ist sicherlich hervorzuheben, dass die Rettungsfazilität EFSF (European Financial Stability Facility) Kompetenzen zum präventiven Einsatz gegen aufkeimende Marktverwerfungen auch in bislang nicht mit Rettungspaketen versorgten Ländern erhalten hat. Größtes weiterhin bestehendes Problem sind die auch nach Umsetzung aller Maßnahmen enorm hohen Schulden Griechenlands. Aber, auch hier will ich ehrlich sein, ein Schuldenschnitt wurde an dieser Stelle niemals gefordert, und so darf ich die nur vorsichtigen Maßnahmen zur effektiven Verringerung der Altschulden auch nicht bemängeln. Positiv festzuhalten bleibt weiters, dass zumindest in unmittelbarer Reaktion an den Märkten das von den meisten Beobachtern hervorgehobene spezifische Risiko innerhalb der Eurozone nicht eingetreten ist: Die Ansteckung anderer Länder. Nicht nur die Renditen griechischer Anleihen fielen um bis zu 14 (!) Prozentpunkte; auch die Spreads der Anleihen aller anderen Länder engten sich zunächst deutlich ein. Heute früh senkte Moody's das Griechenland-Rating um weitere Stufen (jaja, da war noch Platz nach unten…) von "Caa1" auf "Ca" – da drunter gibt's nur noch "C"…

In den kommenden Wochen werden sich die Marktteilnehmer sicherlich Sorgen um die Umsetzbarkeit der vielen Ideen machen. Wie nicht anders zu erwarten war, regt sich besonders in Deutschland lauter Widerstand. Bei einer offensichtlich angeschlagenen Bundeskanzlerin entwickelt sich Merkel-Bashing zum Volkssport. Aber so ist es nun mal: Wir sind nicht nur ein Volk der 80 Millionen Bundestrainer, sondern auch ein Volk der 80 Millionen Schuldenkrisenbewältiger. Jeder weiß alles besser als der andere, und der- bzw. diejenige, welche die Verantwortung trägt, kann es naturgegebenermaßen nicht allen recht, und damit eigentlich nur falsch machen.

Und so scheint die Freude über das Griechenland-Paket an den Märkten bereits nach wenigen Stunden wieder verflogen zu sein. Schon im Laufe des Freitags setzten sich die Zufriedenheit signalisierenden Marktbewegungen nicht weiter fort, teilweise kam es sogar zu teils heftigen Gegenbewegungen, sprich: Spreadausweitungen. Auch heute früh dominiert der Frust: Die asiatischen Aktienmärkte schließen teils deutlich im Minus. Die US Aktienfutures deuten mit minus einem Prozent ebenfalls auf eine schwache Eröffnung hin. Der Goldpreis erklimmt abermals neue Hochs. Immerhin dürfte es selten einfacher gewesen sein, eine Stimmungsumkehr zu erzeugen: Hallo, Dom & Reps, könnt ihr euch bitte endlich auf einen Kompromiss einigen?
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Re: Market Snapshot: Overnight Impressionen

Postby taucher » Tue Jul 26, 2011 9:41 am

Guten Morgen, heute ist Dienstag, der 26. Juli 2011 !

■ Verletzter Stolz: Anleger mögen nicht zugeben, dass das Rettungspaket 2.0 gar nicht so schlecht ist
■ Verletzte Ehre: Republikaner und Demokraten rücken nicht einen Millimeter aufeinander zu
■ Verletzte Seele: US Dollar verliert auf breiter Front an Wert

Wir Deutschen sind ja ein Volk der Schnäppchenjäger. Je billiger desto besser. "Geiz ist grandios" oder so ähnlich lautete lange Zeit der Werbespruch einer großen Elektrofachmarktkette. Am liebsten mögen wir's ganz umsonst. Aber was gibt's heute noch für lau? Das ist das Aufweckspiel in Ihrem Büroteam für den heutigen Tag, liebe Leser: "Wer kann am schnellsten drei Dinge nennen, die es für umsonst gibt?" "Internet" dürfte häufig genannt werden, hat allerdings den Haken, dass die Leitung kostet. "Wasser" dürfte auch genannt werden – wohl auch mit Verweis auf die neu entdeckten Wasservorräte im Weltall, die unsere gewiss nicht geringen Lagerbestände auf der Erde angeblich um das 140billionenfache übertreffen (allerdings lagern diese in 12 Milliarden Lichtjahren Entfernung…). "Luft" dürfte die Top-Antwort sein. Aber Vorsicht, Luft ist nicht gleich Luft. Meinen Sie Luft für Ihren Autoreifen, dann dürfte es mit der Kostenlosigkeit bald vorbei sein. Die Mineralölkonzerne gehen nämlich nach und nach dazu über, für die Pfff-Maschine an der Tankstelle einen Obulus von einem Euro zu verlangen. Vielleicht gibt's dafür ja einen Sanifair Gutschein und ich darf auf dem Stillen Örtchen einmal kostenlos heiße Luft ablassen…

Über Groupon bekam ich dieser Tage das Angebot für einen um 65 Prozent rabattierten "Haircut". Vielleicht wäre das eine Maßnahme, um die Bankenbeteiligung am Griechen-Rettungspaket zu beschleunigen: Die ersten zehn Anleihenumtauscher bekommen auf den anvisierten Haircut von 21 Prozent einen Rabatt von 50 Prozent. Viele Details des Rettungspakets sind noch ungeklärt: Wann wird der Umtausch der Anleihen durchgeführt? (angeblich bereits Ende August / Anfang September.) Wie verhalte ich mich als Anlageberater, wenn ein Kunde an meinen Schalter kommt, der sein 1000-Euro-Investment in Griechenland nach Methode #4 über einen Discount Bond Exchange umtauschen will? Akzeptiert die EZB eigentlich Sanifair-Kupons?

Die Freude im Markt über das Rettungspaket 2.0 für Griechenland war bereits nach weniger als 24 Stunden verflogen. Die Anleger wünschen sich Details. Die Anleger verlangen eine Aufstockung der EFSF. Die Anleger befürchten, dass die Umsetzung der Beschlüsse im deutschen oder slowakischen(!) Parlament scheitert. Die Anleger suchen nach Ausreden, um sich nicht über das Rettungspaket freuen zu müssen. Ich glaube, da spielt auch eine Menge Stolz mit: Sich über das Rettungspaket freuen hieße, die Arbeit der Politiker zu loben. Und wer das macht, wird ausgegrenzt wie ein Teenager mit Seepferdchen-Abzeichen auf der rot-weiß gestreiften Badehose.

Größere Fragezeichen als das Rettungspaket verursacht jedoch die Seifenoper um die US Schuldengrenze. Aus Analystenkreisen mehren sich die Stimmen, wonach die Deadline für einen entsprechenden Beschluss nicht der 2. August ist, sondern der 10., der 12. oder gar erst der 15. August. Für uns unbedarfte Marktbeobachter hieße dies: Oh je, noch weitere zwei Wochen Schulden-Pingpong in Washington, und wenn es dann zum dritten Mal fünf vor zwölf ist, kommt es ja doch zu einem Kompromiss.

Aus EWU Rettungspaketzweifeln und dem US Schuldenlimitpoker resultiert im Markt folgendes Bild: Bundesanleihen gehen fester. Peripherieanleihen gehen schwächer. US Treasuries gehen schwächer (weil ein fauler Kompromiss und damit trotz Anhebung der Schuldengrenze ein Downgrade befürchtet wird). EUR-USD steigt (heute früh auf 1,45!), weil ein technischer Default der USA momentan wahrscheinlicher ist als ein Default ganz Europas. Gold und Franken gehen noch fester, weil nur hier Sicherheit vor einem Finanzmarktarmageddon vermutet wird. Die Aktienmärkte bewegen sich orientierungslos, was durch – auf den ersten Blick – ernüchternde Zahlen von UBS und der Deutschen Bank heute früh untermauert werden dürfte. Und dann gibt es da heute noch etwas, was bestimmt niemand von Ihnen auf seiner "Kostenlos-Liste" hat: Konjunkturdaten. Hurra. Deutsche Konsumentenstimmung (schwächer), amerikanische Konsumentenstimmung (voraussichtlich schwächer), britisches BIP-Wachstum in Q2 (voraussichtlich schwächer), US Immobilienpreise (voraussichtlich schwächer). Vielleicht sollte man für Konjunkturdaten demnächst Geld verlangen, damit sie mal wieder "stärker" werden?
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Re: Market Snapshot: Overnight Impressionen

Postby taucher » Wed Jul 27, 2011 8:49 am

Guten Morgen, heute ist Mittwoch, der 27. Juli 2011 !

■ Barack-Obama-Kompromiss: Märkte schauen gebannt, genervt und zunehmend nervös nach Washington
■ Bud-Spencer-Kurse: Zahlreiche Währungen sind stärker als der USD und erreichen neue Allzeithochs
■ Terence-Hill-Bewertung: Moody's wertet Zypern ab – das nächste Problemkind in der Eurozone?

"Und wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann bild' ich mir 'nen Arbeitskreis." Häufig stößt man bei irgendwelchen Projekten an einen Punkt, wo nach komplexen Lösungen gesucht werden muss. Dann gilt es, für dieses Problem eine Arbeitsgruppe einzuberufen, die nach unzähligen Sitzungen beschließt, Antworten auf die Fragen in Form einer öffentlichen Ausschreibung zu finden. "Wir haben eine Brücke gebaut – wie soll sie heißen?" wurde im Jahr 2005 in England gefragt, als ein Betonbogen zum neuen Wembley-Stadion errichtet worden war. Und obwohl es damals noch kein Facebook gab, fand sich im Internet eine überwältigende Mehrheit für den Namen "Didi Hamann Bridge", eine Reminiszenz an den letzten Torschützen im alten Wembley. Das Mehrheitsvotum wurde verworfen, wie die Brücke heute heißt, entzieht sich meiner Kenntnis. Die 60.000-Seelen Gemeinde Schwäbisch-Gmünd sucht dieser Tage nach einem Namen für ein fertig gestelltes Tunnelstück an der B29. Zur Wahl stehen Langweiler wie "B29 Tunnel" oder "Gmünder Röhre", aber auch ausgefallene Vorschläge wie "Nei-Naus-Tunnel", "Gamundia Cube" oder "Unicorntunnel" ("UniCredit-Tunnel"?). Topfavorit in der Internet-Abstimmung mit rund 50.000 Facebook-Followern ist jedoch "Bud Spencer Tunnel", weil der ehemalige Schwimmstar vor 60 Jahren in besagter Stadt seine Seepferdchen-Prüfung abgelegt hat oder so. Heute wählt der Gemeinderat von Schwäbisch-Gmünd seinen Namensvorschlag zur Vorlage beim Regierungspräsidium von Baden-Württemberg aus. Das letzte Wort hat dann das Bundesverkehrsministerium. Damit steigt natürlich die Gefahr, dass die Internet-User wieder mal leer ausgehen und wir in Zukunft im Radio die Meldung vernehmen: "Stau wegen Blockabfertigung im B29-Tunnel". Aber vielleicht klingt das ja doch besser als "Teilweise stockender Verkehr im Bud Spencer"…

Mit dem Bud-Spencer-Tunnelblick schauen alle Marktteilnehmer gebannt nach Washington: Wann einigen sich die politischen Kontrahenten auf ein Sparpaket? Wann gibt es einen Kompromiss zur Anhebung der Schuldengrenze? Auch die letzten 24 Stunden sind verstrichen, ohne dass es zu einer Annäherung hinsichtlich des Didi Hamann Savings Act gekommen wäre. Auch die Anleger werden langsam nervös, abzulesen an einem US Dollar, der sich so schwach präsentiert wie der 81jährige Carlo Pedersoli alias Bud Spencer mit 40 Grad Fieber. Gleich reihenweise steigen andere Währungen gegenüber dem Greenback auf neue Allzeithochs (bzw. die Wechselkurse erreichen bei Mengennotierung neue Allzeittiefs): der Neuseeland-Dollar (NZD) bei 0,8765, der Austral-Dollar (AUD) bei 1,1063, der Kanada-Dollar (CAD) bei 0,9407, der Schweiz-Dollar (CHF) bei 0,7998, der Gold-Dollar (GOLD) bei 1624,80. Der japanische Yen (JPY) steht bei 77,70, ebenfalls ein Allzeittief, wenn wir die Kursexplosion infolge der Erdbebenkatastrophe vom März ignorieren. Spekulationen über einseitige Devisenmarktinterventionen der Bank of Japan machen die Runde.

Da frägt man sich doch: Und was macht der Euro (EUR)? Bei respektablen 1,45 steht EUR-USD immerhin 10% unter seinem Allzeithoch vom Juli 2008 (1,6038). In "normalen" Zeiten würde der Euro, wie die anderen Währungen auch, sicherlich in der Nähe seines Höchststandes zum Dollar handeln. Daraus könnte man schließen, dass die hiesige Schuldenkrise den Euro gegenüber dem US Dollar ziemlich genau zehn Prozent an Wert gekostet hat – gemessen an den Kapriolen, welche die Schuldenkrise schlägt (Fußballer wie Ronaldo oder Kaká sollen indirekt bei der EZB verpfändet werden…) ein moderater Wertverfall.

Übrigens: Welches EWU-Land wird als nächstes von der Krise erfasst werden? Nein, nicht Spanien, erst recht nicht Italien. Es ist Zypern. Nachdem eine Explosion das größte Kraftwerk der Insel zerstört hat, sieht es um die Staatsfinanzen einigermaßen düster aus. Moody's senkte heute früh Zyperns Kreditwürdigkeit um zwei Stufen von A2 auf Baa1 und garniert diesen Schritt mit einem "negativen Ausblick". Privatiers wie George Soros setzen jetzt womöglich eine spekulativen Trade auf: Kaufe Zypern-CDS, verkaufe USA-CDS. Und wir verpacken die Idee in einer Brücken-Anleihe und nenne das ganze "Bud Spencer Bonus Reverse Express Zertifikat"…
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Re: Market Snapshot: Overnight Impressionen

Postby taucher » Thu Jul 28, 2011 8:41 am

Guten Morgen, heute ist Donnerstag, der 28. Juli 2011 !

■ Peitsche oder Rute?: Analysten diskutieren Möglichkeiten der Züchtigung amerikanischer Volksvertreter
■ Pleite oder Gute?: S&P entdeckt ein noch niedrigeres, für Griechenland angemessenes Rating
■ Pfeife oder Tute?: Marktbewegungen reflektieren Unschlüssigkeit über den Sieger im Schuldendebakel

Es sind die Biergärten, um welche der Rest der Welt die Bayern beneidet. Das idyllische Multi-Kulti-Biertrinken unter 100jährigen Laubbäumen lässt sich einfach nicht kopieren. Ebenso stämmige wie fröhlich-sympathische Dirndlträgerinnen wuchten zehn Maß auf einmal umher, das Essen ist frei von Schadstoffen und Kalorienminderern, bestenfalls spielt die Musi auf, Kinder toben auf dem Spielplatz, die Krisen dieser Welt sind weit, weit weg und alle sind's fröhlich und zufrieden. Dass es auch ganz anders sein kann, durfte ich mit meiner Familie gestern erleben. Die einzige Bedienung war männlich und wuchtete bestenfalls ein leeres Tablett umher. Beim Anblick der Spielgeräte hätte wohl jeder TÜV-Prüfer einen Herzinfarkt erlitten. Das nach anderthalb Stunden(!) gelieferte(!) Essen war kalt. Und zu allem Überfluss teilten sich die Gäste das Biergarten-Areal mit der Bundesbahn (es war laut), mit einem Landwirt (es roch nicht, es stank!) und mit einer Tausendschaft Kamikaze-Wespen. Und mitten hinein in die Unzufriedenheit platzte die Meldung, wonach der Tunnel an der B29 bei Schwäbisch-Gmünd nicht nach Schauspieler Bud Spencer (114.542 Stimmen), sondern voraussichtlich nach Wehrmachtsgeneral Erwin Rommel (1101 Stimmen) benannt werden soll…

Kurzum, unser Biergartenbesuch ließ mich die Krisenherde dieser Welt nicht vergessen, sondern die Gedanken daran in jeder Sekunde neu aufleben. Vielleicht sollte man die Kongressabgeordneten der USA in jenem Biergarten zusammenpferchen und ihnen sagen, sie dürften das Gelände erst dann wieder verlassen, wenn sie sich auf einen Schuldenkompromiss geeinigt hätten. Freunde der Sonne, da hätten wir nach weniger als zwei Stunden eine tragfähige Lösung. In der Realität genießen die Abgeordneten in Washington DC jedoch alle denkbaren Freiheiten, was den Druck, sich auf Kompromisse einzulassen, offenbar nachhaltig mindert. Weitere 24 Stunden sind verstrichen, weiterhin ist keine Lösung in Sicht. Schlimmer noch, die oppositionellen Republikaner zerreiben sich gerade gegenseitig, so dass noch nicht einmal ein parteiinterner Kompromiss für einen parteiübergreifenden Kompromissvorschlag auf dem Tisch liegt.

Dennoch herrscht im Markt weiterhin die Konsensmeinung, wonach irgendwie in letzter Sekunde noch eine Einigung herbeigeführt werden wird – wobei die Ansichten darüber, wann denn die letzte Sekunde anbreche, mittlerweile weit auseinandergehen. Weiters gilt es mittlerweile als salonfähig, für die USA eine Abwertung durch die Ratingagenturen zu erwarten, Last-Minute-Schuldengrenzenanhebungskompromisslösung hin oder her. Wie allerdings mit einem solchen Ausblick in den einzelnen Assetklassen umzugehen sei, darüber herrscht noch allgemeines Rätselraten: Die Aktien mögen es nicht – der S&P verliert 2%. Die Rentenmärkte legen eine Mir-doch-alles-egal-Haltung an den Tag (UST-Renditen kaum verändert), während der US Dollar im Wettstreit mit dem Euro um die Schuldenkrisenkrone gestern mal den Kürzeren zog: EUR-USD stolperte und fiel von 1,4550 auf 1,4350. Daraus jedoch zu schließen, in der Eurozone sei alles mies, wäre voreilig, denn es gibt ja noch die Bundesanleihen, Anlegers Liebling. Deren Renditen fielen gestern um schlappe zehn Basispunkte, trotz des schwachen Euro.

S&P wertet Griechenland von "CCC" auf "CC" ab ("…das Land wird wahrscheinlich vorübergehend fast ein bisschen zahlungsunfähig sein…"). Damit ist das Ratingspektrum nach unten zwar noch immer nicht komplett ausgereizt, aber der qualitative Unterschied zwischen "CCC" und "CC" ist eben doch ein geringerer als jener zwischen "AAA" und "AA". Nebenan auf Zypern verlangt die Opposition den Rücktritt des Präsidenten, dieser wiederum verlangt den Rücktritt aller seiner Minister, es dürfte weitere Downgrades hageln. Nur, damit Sie auf alles vorbereitet sind: Zyperns Staatsschulden bewegen sich im niedrigen zweistelligen Milliardenbereich…

Höhepunkte des heutigen Tages sind Anleihenauktionen in Italien sowie der deutsche Arbeitsmarktbericht. Und im Biergarten "Zur Stinkenden Wespe" werden 535 Kongressabgeordnete und 100 Senatoren aus den USA erwartet…
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Re: Market Snapshot: Overnight Impressionen

Postby taucher » Fri Jul 29, 2011 10:30 am

Guten Morgen, heute ist Freitag, der 29. Juli 2011 !

■ Ruhig bleiben: USA stellen Plan über Zahlungspräferenzen im Pleitefall in Aussicht
■ Wut ablassen: Moody's setzt Spaniens Aa2-Rating auf "watch negative"
■ Schutz suchen: Finanzmärkte dürften sich heute in ausgeprägtem Risk-Off Modus befinden

"Wir müssen endlich mal voran kommen. Dieses rumgefuddele, da kommen wir doch auf keinen grünen Zweig. Wenn wir uns alle zusammensetzen, dann ist vielleicht eine Lösung drin, von der man behaupten kann, sie bringe uns nicht nur einen, sondern drei Schritte weiter." So oder so ähnlich dürfte sich der flammende Appell vor einigen Jahren in südkoreanischen Forscherkreisen angehört haben. Und siehe da, sie sind weiter, und zwar nicht nur einen oder drei Schritte, sondern mindestens einen Halbmarathon: Tätärätäää! Südkorea präsentiert: Den leuchtenden Hund! Dem geklonten Beagle-Weibchen wurden fluoreszierende Gene beigemischt. Bei geeigneter Nahrungsmittelzufuhr kann der Hund leuchten. Angeblich steht dieses Projekt unter dem Deckmantel der Forschung. Na ja… Ich jedenfalls bin an den Forschungsergebnissen sehr interessiert. Wenn ich morgens ins Büro komme, sind die Lampen noch aus und es ist finsterstock. Da könnte ich so ein bisschen Körperleuchten gut gebrauchen…

Nicht an-, sonder ausgehende Lichter befürchte ich heute für die Finanzmärkte. Es ist Freitag, das ist per se schon ein Grund für erhöhte Nervosität. Dann ist Monatsende, gerne mal Anlass für übertriebene Kursbewegungen in die eine oder andere Richtung. Die wahren Ursachen zunehmender Anlegeraufregung findet sich allerdings in den Schuldenproblemen dies- und jenseits des Atlantiks. In Washington haben die Bemühungen um einen Schuldenkompromiss gestern Nacht einen herben Rückschlag erhalten. Im von den Republikanern dominierten Repräsentantenhaus war mit großem Tamtam eine Abstimmung über den Sparvorschlag des Republikaners John Boehner angekündigt. Doch zur Stimmenabgabe kam es erst gar nicht, nachdem sich im Vorfeld herauskristallisiert hatte, dass der Vorschlag selbst in den eigenen Reihen über keine ausreichende Rückendeckung verfügte. Als Schuldige hat man die Tea Party Bewegung innerhalb der republikanischen Partei ausgemacht. Denen ist der Vorschlag Boehners nicht radikal genug. Natürlich gehen die Gespräche über ein konsensfähiges Sparpaket heute weiter. Ein solches Paket gilt als Voraussetzung für eine Anhebung der Schuldengrenze. An dieser Stelle möchte ich gerne mit einem Missverständnis aufräumen: Es stimmt nicht, dass die USA am 2. August zahlungsunfähig sind. Das Land erreicht (voraussichtlich) an diesem Tag lediglich seine gesetzliche Schuldenobergrenze und darf keine neuen Schulden aufnehmen. Altschulden dürfen weiterhin abgelöst und verlängert werden (Rollover). Und so lange die Administration irgendwo Liquidität auftreiben kann, können auch fällige Rechnungen beglichen werden. Im schlimmsten Fall, so verlautet aus dem Finanzministerium, sollen Anleihengläubiger gegenüber anderen Geldempfängern bevorzugt werden. Eine offizielle Ankündigung hierzu erwarten wir für die kommende Nacht.

Für uns Marktteilnehmer stehen zwei Fragen im Raum: Erstens, was passiert, wenn die Amis sich nicht rechtzeitig auf einen Kompromiss einigen? Und zweitens, was passiert, wenn ihnen das doch gelingt. Hinsichtlich des Nicht-Einigungs-Szenarios fühlt sich dieser Tage jeder, aber wirklich jeder berufen sich zu äußern. Auf der Erde leben fast sieben Milliarden Finanzmarktarmageddonantizipierer. Ich halte es da eher mit dem Kollegen Andreas Rees: "Wie die Turbulenzen genau ablaufen, lässt sich seriös nicht prognostizieren", schrieb Rees gestern in einem Kommentar zum Schuldenbrennpunkt USA. Spannend ist aber auch die zweite Frage: Angenommen, es kommt zu einer Last-Minute-Einigung (was immer noch rund 6,99 Milliarden Beobachter erwarten) – was dann? Nun, dann dürften die Märkte vor Freude für ein oder zwei Tage fluoreszieren, um dann ihr Augenmerk jedoch ganz schnell wieder auf die Eurozone zu richten.

Den Stabilisierungsbemühungen hierzulande hat Moody's heute früh einen Bärendienst erwiesen: Die Ratingagentur versah ihre Aa2-Einstufung für Spanien mit einem "Credit Watch Negative", was so viel heißt wie: Die Wahrscheinlichkeit für eine Herabstufung in den kommenden Wochen steigt erheblich. In Reaktion auf diese Meldung verliert EUR-USD gleich mal eine halbe Big Figure (aktuell: 1,4285). Wir sollten uns darauf einstellen, dass heute die üblichen Risk-Off-Mechanismen arbeiten werden: Aktien schwächer, Bunds fester, Peripherie-Anleihen schwächer. Das Marktbild könnte sich weiter eintrüben, wenn die Daten zum US BIP-Wachstum im zweiten Quartal die ohnehin bescheidenen Erwartungen von rund 2,0% nicht erfüllen. Dann heißt es für Sie: Langsam fahren, Nebelschlussleuchte anschalten. Alternativ dürfen Sie Ihren Hund auf die Hutablage setzen.
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Re: Market Snapshot: Overnight Impressionen

Postby taucher » Mon Aug 01, 2011 10:34 am

Guten Morgen, heute ist Montag, der 1. August 2011 !

■ Einigung: Obama verkündet einen Kompromiss zur Anhebung der Schuldengrenze und zum Sparpaket
■ Einengung: Wachstumsausblick für die USA trübt sich ein
■ Einkeilung: Stimmungserholung dürfte an den EWU Peripheriemärkten vorbeiziehen

Deutschland geht es gut. Zu gut? Mittlerweile gibt es Überlegungen, unseren Wohlstand auch an den bislang noch nicht mit HD Ready Flatscreens und dergleichen ausgestatten WC Rastanlagen an Autobahnen auszudehnen. Denn es ist ja so: Sie fahren seit sechs Stunden durch die Lande, es ist zwei Uhr nachts und plötzlich äußert ein/e Mitfahrer/in ein dringendes Bedürfnis – wo halten Sie garantiert nicht an? Richtig, dort, wo man um diese Uhrzeit stets das Gefühl hat, hinterrücks erschlagen oder wenigstens mit allen Geschlechtskrankheiten dieser Welt infiziert zu werden. Immerhin wurden jene Orte des Grauens in den letzten Jahren etwas aufgehübscht. So bestehen die Sanitäreinrichtungen mittlerweile ebenso aus Edelstahl wie die schweren Zugangstüren. Jetzt erfahren wir jedoch, dass sich diese Türen bei windigen Rohstoffhändlern wachsender Nachfrage erfreuen. Das dämpft natürlich die Hoffnung, die Stillen Örtchen demnächst mal mit Flachbildfernsehern ausgestattet zu bekommen. Dennoch sind auch diese Türdiebstähle ein Hinweis darauf, dass es Deutschland ziemlich gut geht. Denn immerhin wurden die weiteren Ausstattungsgegenstände bislang von den Dieben zurückgelassen…

Auf amerikanischen Highway-Klos dürfen wir hingegen in Zukunft schon froh sein, wenn ausreichend Tissue-Papier zur Verfügung steht. Ich bin mir sicher, dass sich der Posten public toilet paper bereits irgendwo in den Untiefen des jetzt vereinbarten Sparpakets findet. Bei einem Großhandelspreis von 25ct pro Rolle summiert sich das anvisierte Sparvolumen auf zehn Billionen Rollen – das entspricht dem Weltklopapierverbrauch einer ganzen Generation. Amerika opfert das Klopapier, um Zinspapiere bedienen zu können – ein Skandal! Aber der Reihe nach: Heute früh verkündete US Präsident Barack Obama die Einigung im amerikanischen Schuldenstreit. Anhebung der Schuldengrenze und 10-Jahres-Sparpaket werden in einem halbautomatischen Zweistufenverfahren miteinander kombiniert. Hier die Eckdaten: Die Schuldengrenze wird um mindestens USD 2,1 Billionen angehoben. Staatsausgaben werden per sofort in einem Volumen von knapp 1 Billionen gestrichen. Der Kongress einigt sich bis Ende des Jahres auf weitere Einsparungen im Volumen von 1,5 Billionen. Kommt eine Einigung nicht zustande, greift eine automatische Ausgabenbegrenzung nach der Rasenmähermethode.

In der Bewertung dieses Kompromisses werden sich heute wohl alle Beobachter einig sein: "Die Gefahr einer unmittelbaren Staatspleite konnte abgewendet werden. Aber die Bedrohung einer Abwertung der amerikanischen Kreditwürdigkeit durch die Ratingagenturen bleibt bestehen." Es ist in der Tat so, dass das Sparpaket kleiner ausfällt als von S&P unlängst verlangt (USD 4 Billionen). Ferner dürften hinsichtlich der Nachhaltigkeit der Sparanstrengungen Zweifel angebracht sein. Möglicherweise wird S&P mit einer Ratingentscheidung warten, bis der Kongress den zweiten Teil des Sparpakets beschlossen hat. Ein Moody's-Analyst hingegen zeigte sich über den Kompromiss bereits hocherfreut und stellte für die USA ein stabiles Aaa-Rating in Aussicht.

So, eine Baustelle weniger. Mund abwischen, weiter machen. Hier der verbleibende Problemkatalog für uns Marktteilnehmer: 1) US Wirtschaft: Wachstum ist viel schwächer als gedacht. 2) EWU Wirtschaft: Wachstum schwächt sich zusehends ab. 3) China Wirtschaft: Einkaufsmanagerindizes signalisieren schwächeres Wachstum. 4) Griechenland: Spanien und Italien beteiligen sich evtl. nicht an der nächsten Kredittranche für Griechenland, weil die Fundingkosten dieser Länder den griechischen Kreditzins möglicherweise übersteigen. 5) Spanien: Warnung von Moody's, Kritik vom IWF, vorgezogene Parlamentswahlen im November. 6) Frankreich: Kritik vom IWF (Lagarde!). 7) Zypern: Downgrades von Moody's und S&P, komplette Regierungsumbildung, evtl. Hilfsantrag beim EFSF. 8) Dänemark: S&P warnt vor weiteren Bankpleiten. Habe ich irgendetwas vergessen?

Die Freude an den Finanzmärkten über den Schuldenkompromiss in Washington dürfte daher überschaubar in Ausprägung und Dauer sein. Die Aktienmärkte haussieren heute früh mit plus 1-2%, der USD ist etwas fester, US Treasuries etwas schwächer, aber das sieht alles vergleichsweise verhalten aus. Heute Nachmittag kommt bereits der ISM Index (siehe Problem #1). An den Peripherie-Märkten in der Eurozone könnte die Stimmungserholung komplett vorbeiziehen. Und an den Parkplatz-WCs steht die ganz große Prüfung ohnehin erst noch bevor: Keine Tür, kein Papier, aber die Zinsen fließen…
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Re: Market Snapshot: Overnight Impressionen

Postby Werner Hartmann » Mon Aug 01, 2011 6:09 pm

taucher wrote:Auf amerikanischen Highway-Klos dürfen wir hingegen in Zukunft schon froh sein, wenn ausreichend Tissue-Papier zur Verfügung steht. Ich bin mir sicher, dass sich der Posten public toilet paper bereits irgendwo in den Untiefen des jetzt vereinbarten Sparpakets findet. Bei einem Großhandelspreis von 25ct pro Rolle summiert sich das anvisierte Sparvolumen auf zehn Billionen Rollen – das entspricht dem Weltklopapierverbrauch einer ganzen Generation. Amerika opfert das Klopapier, um Zinspapiere bedienen zu können – ein Skandal! Aber der Reihe nach: Heute früh verkündete US Präsident Barack Obama die Einigung im amerikanischen Schuldenstreit. Anhebung der Schuldengrenze und 10-Jahres-Sparpaket werden in einem halbautomatischen Zweistufenverfahren miteinander kombiniert. Hier die Eckdaten: Die Schuldengrenze wird um mindestens USD 2,1 Billionen angehoben. Staatsausgaben werden per sofort in einem Volumen von knapp 1 Billionen gestrichen. Der Kongress einigt sich bis Ende des Jahres auf weitere Einsparungen im Volumen von 1,5 Billionen. Kommt eine Einigung nicht zustande, greift eine automatische Ausgabenbegrenzung nach der Rasenmähermethode.


Die Amerikaner brauchen in Zukunft kein Klopapier - statt dessen benutzen sie 1-Dollar-Scheine! :lol:
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Re: Market Snapshot: Overnight Impressionen

Postby taucher » Tue Aug 02, 2011 10:24 am

Guten Morgen, heute ist Dienstag, der 2. August 2011 !

■ Peanuts: Schuldenkompromiss verringert die geplanten Ausgaben, nicht die tatsächlichen Ausgaben
■ Fish: Einbruch im ISM Index lässt QE3-Erwartungen aufleben
■ Chips: US Wachstumsängste sind das neue Top-Thema – mit entsprechenden Marktauswirkungen

20 Jahre gibt's das Internet jetzt. Und mittlerweile findet man da drin ja wirklich zu allem etwas. Halt! Es gibt da eine Ausnahme. "Papa, wieso heißt der Schweinebaumel eigentlich Schweinebaumel?" Den Knirpsen schon von Kindesbeinen an die Vorzüge des Internets aufzeigend, meinte der Papa: "Keine Ahnung. Aber ich schau mal nach…" Und dann die Ernüchterung: kümmerliche Google-Treffer, nicht mal ein Wikipedia-Eintrag. Und auch der Google Translator hält "Schweinebaumel" für einen international einheitlichen Terminus, vergleichbar mit dem Eigenschaftswort purps ("Ich fühle mich purps." – "I feel purps."). Keine Hilfe im Netz – soll ich meinen Töchtern jetzt etwa erklären, dass das In-den-Kniekehlen-an-der-Reckstange-Hängen deshalb Schweinebaumel heißt, weil es aussieht, wie ein im Kühlhaus am Fleischerhaken aufgehängtes lebloses Schwäbisch-Hällisches Landschwein? Ich dachte, wir Eltern sollten unseren Kindern, so lange es eben geht, die Illusion einer Heilen Welt vorgaukeln…

Die Heile Welt wurde uns auch gestern in den Finanzmärkten vorgespielt. Schuldenkompromiss gefunden und alles wird gut, oder wie? Zugegebenermaßen, diese Einstellung der Marktteilnehmer hielt exakt bis neun Uhr dreißig, dann tauchten erste Zweifel am inhaltlichen Wert des Debt Deals auf. Unter den Kommentatoren herrschte große Einigkeit: Pleite verhindert, Schuldenproblem nicht gelöst, Abwertungsrisiken bleiben bestehen. Um 16 Uhr wurden alle Marktteilnehmer jäh aus ihren Tagträumen gerissen: Der wegweisende ISM Index fiel um fast fünf Punkte! Eben noch dachten wir, die USA seien pleite. Und jetzt erfahren wir, dass die US-Wirtschaft über dem wirtschaftlichen Wachstumsabgrund schweinebaumelt. Uns bleibt aber auch nichts erspart.

Schnell wurden die Optionen abgeklopft: Ein Billionen schweres Konjunkturpaket? Mmh, sieht wohl eher so aus, als könnten wir diese Option in die Tonne treten. Quantitative Easing (QE3)? Da kommen wir der Sache schon näher. Erst recht vor dem Hintergrund, dass mit den jetzt vorgelegten Sparplänen der US-Wirtschaft ja vollends der Garaus bereitet wird, wenn man den Kommentatoren Glauben schenken mag. "Das Sparpaket ersetzt die Reck- durch eine Salzstange!" An dieser Stelle sollten wir jedoch kurz einhaken und das eine oder andere Missverständnis aus dem Weg räumen: Einzig spruchreif an dem gefundenen Schuldenkompromiss sind Ausgabenkürzungen im Umfang von 917 Milliarden Dollar. Diese 917 Milliarden resultieren jedoch nicht aus der effektiven Streichungen von Ausgaben, sondern sie sind Folge eines geringeren Anstiegs des ursprünglich geplanten Ausgabenzuwachses. Mercedes statt Bentley, Nudelsuppe statt Maultaschen. Im Jahr 2012 fallen die staatlichen Ausgaben um 20 Milliarden Dollar geringer aus als ursprünglich angesetzt. Bis zum Jahr 2015 addieren sich die Einsparungen auf gerade mal 200 Mrd. Gut, da kommen jetzt noch die Sparpläne des Congressional Joint Select Committees on Deficit Reduction (CJSCDR, im Internet bisher nicht erfasst) im Umfang von maximal 1,5 Billionen Dollar über zehn Jahre hinzu. Aber erstens kann mir keiner erzählen, dass deshalb die US-Wirtschaft einbricht. Und zweitens ist eine sparsamere Haushaltsführung in den USA alternativlos, strukturell erforderlich und damit von konjunkturzyklischen Überlegungen unabhängig umzusetzen.

Was sagt uns nun der schwache ISM Index? Noch im Februar erreichte dieser Indikator ein 27-Jahres-Hoch und suggerierte etwas von Wachstumsraten nördlich von 5%. Mittlerweile wissen wir: die ersten drei Monate des Jahres brachten im Quartalsvergleich ein mickriges Zehntel Prozentchen Wachstümchen. Kann es sein, dass der ISM Index seine Eigenschaften als Echtzeitindikator für die Konjunkturentwicklung eingebüßt hat?

Wie dem auch sei, die Märkte haben ihr neues Lieblingsthema gefunden: "Double Dip-Ängste befeuern QE3-Fantasie". Das bedeutet Angsthandeln: Renditen noch niedriger, Aktien schwächer (der DAX verlässt seinen 7000-7500-Korridor!) und Schweizer Franken fester. Pünktlich zum Nationalfeiertag erreichte der CHF gestern ein 720-Jahres-Hoch (EUR-CHF fällt bis auf 1,1028, aktuell 1,1120). Und heute früh sieht es nicht so aus, als würde sich an diesen Tendenzen etwas ändern. "Papa, warum geht's den Amis so schlecht?" – "Weil sie beim Schweinebaumeln kreditfinanzierte Hamburger gegessen haben…"
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Re: Market Snapshot: Overnight Impressionen

Postby taucher » Wed Aug 03, 2011 9:38 am

Guten Morgen, heute ist Mittwoch, der 3. August 2011 !

■ Kaufe Bunds, biete alles: Im europäischen Rentenhandel gibt es keine Tabus mehr
■ Kaufe Franken, kaufe noch mehr Franken: EUR-CHF nähert sich in großen Schritten der Parität
■ Kaufe nichts, biete nichts: US Konjunkturausblick macht wenig Hoffnung auf Stimmungsumkehr

Wenn früh am Abend die Werkssirene dröhnt, wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt, so lang man Träume noch leben kann, blühen die Menschen auf, ziehen sich in ihr privates Refugium zurück und frönen ihrer Hobbys. Das kann Gänseblümchen züchten sein, griechische Staatsanleihen sammeln, einrahmen und an die Wand hängen, oder Atomkraftwerke bauen. Letzteres erlangte unvergessliche Berühmtheit durch einen legendären Sketch von Loriot ("Es hat Puff gemacht!"). Die seinerzeit, bei der Aufnahme vor rund 35 Jahren unter gänzlich anderen Rahmenbedingungen verwendeten Utensilien tauchten jetzt offensichtlich wieder im südschwedischen Ängelholm auf. Dort bastelte ein Mann in der Küche an seinem eigenen Atomkraftwerk. Als er nicht mehr weiter wusste, suchte er zunächst im Internet nach Rat und rief schließlich die schwedische Atombehörde an. Die von dort aus verständigte Polizei nahm den Hobby-Simpson auf einer Freifläche zwischen Reaktor I und II in seiner Küche fest. Mich würde sehr interessieren, wie die Anklage lauten wird…

Ach, hätte der Mann doch nur griechische Anleihen geseammelt. Gibt es die eigentlich auch als effektive Stücke, so mit Mantel und Bogen? Vielleicht kann man hier wirklich eine sehr wertvolle Sammlung anlegen, bevor es in Europa nur noch zwei Arten von Anleihen gibt, die vom Rettungsfonds EFSF und jene vom Rettungsfondseigentümer, der Bundesrepublik Deutschland. Die Märkte tun jedenfalls alles, um die Ausgabe anderer europäischer Staatsanleihen zunehmend zu erschweren. Von Lissabon bis Limassol wird alles verkauft, was nicht bei Drei im Mantel- und Bogentresor verschlossen ist. Und die Regierungsverantwortlichen dürfen nicht mal über die dramatische Entwicklung reden: Gestern traf sich in Italien das Financial Stability Committee – oh je, heißt es in den Märkten, was ist los? Spaniens Noch-Premier Zapatero verschiebt seinen Urlaubsantritt – oh je, heißt es in den Märkten, was ist da los? Ja, WAS wohl?!? Du kannst doch nicht dein Haus anzünden, und wenn zwei Blocks weiter die Feuerwehrsirenen ertönen dich wundern, was wohl los sei!

Fundamentale Begründungen für die jüngste Ausweitung der Renditespreads innerhalb der Eurozone wirken weit hergeholt. Ein Problem könnte jedoch die Positionierung der Anleger sein: Viele Investoren dürften Anleihen aus Spanien, Italien oder Frankreich in den vergangenen Monaten mit einer relativen Übergewichtung in ihren Portfolios gehalten haben – aus gutem Grund. Wenn Marktvolatilitäten diese Anleger nun zwingen, aus der Übergewichtung eine Untergewichtung zu machen, verstärkt dies natürlich die ohnehin vorherrschenden Markttrends. Und je stärker der Markttrend, desto nervöser die Investoren, und so weiter. Self-fulfilling prophecy nennen wir Analysten das. Ein wie auch immer geartetes Eingreifen der europäischen Finanzminister respektive Staats- und Regierungschefs erscheint unausweichlich.

Denn es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass sich die Marktstimmung kurzfristig von alleine dreht. Die allgemeine Nervosität erhält durch die Sorgen um die Konjunkturentwicklung dies- und jenseits des Atlantiks einfach zu viel Nahrung. Allerdings erscheint das Kursbild sehr angespannt und schreit eigentlich nach einer Korrektur. Aktienmärkte: nach etlichen Minustagen in Folge sind die Kursgewinne 2011 weitestgehend ausradiert. Bondmärkte: Jahrestiefs der Renditen in nahezu allen Staaten. Währungsmärkte: täglich neue Rekorde im CHF, anhaltende Interventionsgerüchte im JPY, scharfe Korrekturen in den Rohstoffwährungen AUD & NZD. Noch herrscht zwar keine Panik im Markt, aber die um sich greifende Anspannung ist rund um die Uhr und rund um den Globus spürbar.

Heute früh schickt uns SocGen mit einer Gewinnwarnung in den Handelstag. Im weiteren Tagesverlauf dominieren Konjunkturdaten aus den USA (Dienstleistungs-ISM, ADP, Auftragseingänge), dort, wo die Wachstumssorgen derzeit am größten sind. Die Märkte eröffnen, ohne eine nennenswerte Gegenreaktionen zu den teils ausufernden Kursbewegungen der vergangenen zwei Tage zu zeigen. Nach Feierabend braucht's da einen geistigen Ausgleich. Der örtliche Gänseblümchenzüchterverein freut sich über regen Zulauf…
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Dies ist ein humoristischer Marktkommentar und keine Anlageberatung. Die Einschätzungen des Autors beruhen auf Informationen, die auf öffentlich zugänglichen, als verlässlich eingeschätzten Informationsquellen basieren. Weitere Informationen finden Sie in unserem Disclaimer.
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Kornelius Purps
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